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Ohne Alkohol: Die "anderen Trinker:innen" und wir – warum ich diese Unterscheidung nicht mehr mache

Heute muss ich etwas loswerden, das mir schon länger unter den Nägeln brennt. Ich werde auch selbstkritisch sein – soviel sei schon einmal verraten.


Letzte Woche hatte ich einen TV-Auftritt auf Sat.1, in der der Talkshow Britt. Vielleicht kennst du die Sendung noch von früher, ich jedenfalls konnte mich noch an die Live-Vaterschaftstests und üblen Beschimpfungen von verhassten Freundinnen erinnern, die in den 90ern über den Bildschirm flimmerten.

Heute ist das alles etwas gesitteter, tiefgründiger, gut recherchiert – und die Sendung zum Thema Alkoholabhängigkeit bei Frauen, bei der ich als Expertin und Betroffene mit dabei sein durfte, wurde richtig gut, wie ich finde.

Ausgestrahlt ist sie noch nicht, ich halte dich auf dem Laufenden, sobald es so weit ist.

Warum wir uns unbedingt von "den anderen" unterscheiden wollen


Jedenfalls: In dieser Sendung wurde mehrmals erwähnt, dass wir – also wir ehemals abhängigen Frauen, die so «normal» aussehen würden und so «fleissig» sind und «mitten im Leben stehen» - so gar nicht dem Bild «des typischen Alkoholikers» entsprechen, das wir alle im Kopf haben. Also das Bild des zitternden, rotnasigen, vielleicht sogar obdachlosen, zumindest aber versagenden Mannes, der sein Leben nicht im Griff hat.

Das ist keine neue Unterscheidung, die wir da in der Sendung gemacht haben. Ich höre immer wieder Frauen davon reden, dass sie ganz anders seien als das, was man landläufig unter Alkoholikerinnen und Alkoholikern verstehen würde.

Mich übrigens eingenommen: Auch ich mache immer wieder diese Unterscheidung, grenze mich ab, erwähne hoch und runter, dass ich «nicht so bin, wie man sich das vorstellt»: Ich will bitteschön nicht in diese Schublade gesteckt werden.

Natürlich ist das richtig zu erwähnen, dass es viele Menschen gibt, die nicht dem vorurteilsbeladenen, stereotypen und leider auch sehr stigmatisierten Bild des «typischen Alkoholkranken» entsprechen (es ist wirklich ein vorurteilsbeladenes, stereotypes Bild: Die aller wenigsten Menschen mit einer Alkoholabhängigkeit entsprechen ihm).


Ich schäme mich – weil ich etwas Besseres sein will

Natürlich ist es gut zu wissen, dass sich Alkoholabhängigkeit in den verschiedensten Ausdrucksformen niederschlagen kann. Es ist wichtig, dass die öffentliche Wahrnehmung dahingehend geschärft wird, dass man durchaus ein Problem haben und es einem nicht gut gehen kann, auch wenn man es nicht auf den ersten Blick sieht.

Aber als ich in der Sendung einmal mehr erklärte, «dass ich eben nicht so sei» - und mit «so» meinte ich «einen typischen Alkoholiker» - habe ich mich plötzlich geschämt.

Ich habe mich geschämt, weil ich etwas Besseres sein will als «die anderen».

Weil ich meiner Abhängigkeit ein glamouröses Attribut anhängen will, indem ich mich in der Ausdrucksform meiner ehemaligen Abhängigkeit offensiv an einer ganz anderen Stelle einordne. Ich möchte ganz sicher gehen, dass man mich nicht in die Versager-Ecke stellt, sondern im Gegenteil aus ihr herausholt und mich ins Scheinwerferlicht der «Erleuchteten» stellt, der Hippen und Coolen, die mit ihrer Alkoholfreiheit gegen den Strom schwimmt. Ich will meiner Alkoholvergangenheit ein «Schaut her ich war abhängig und habe trotzdem so viel geschafft»-Label verpassen.

Ein Label, das mich ganz klar von «den anderen» unterscheidet.

Ein Label, das mich letztendlich besser fühlen lassen soll.

Aber ich bin nicht besser. Ich hatte nur mehr Glück.


Ich bekam in meinem Leben mehr Chancen

Ich habe das Glück, privilegiert aufgewachsen, finanziell abgesichert und gut gebildet zu sein, gute Freundinnen und Freunde zu haben und nur kleine Traumata erlebt zu haben. Diese vorteilhaften Umstände haben es mir leichter gemacht, mich aus meiner Abhängigkeit früh genug rauszumanövrieren.

Andere können das nicht – aus welchen Gründen auch immer. Andere haben weniger Glück. Andere können mit niemandem darüber reden.

Jede:r, der oder die «das typische Alkoholiker:innen-Leben» lebt, war irgendwann mal nicht abhängig. Jede:r hat eine «Trink-Geschichte» hinter sich, die verschiedene Stadien durchgemacht hat. Ich hatte das Glück, in einem Stadium ausgebrochen zu sein, das nur kleine Schäden hinterlassen hat.

Ich habe die Grauzone verlassen, als sie noch mausgrau war. Andere haben dieses Glück nicht. Bei anderen wurde sie irgendwann schwarz.

Bin ich also so anders als die anderen? Nein. Bin ich etwas Besseres, weil ich immer fesch ausgesehen, immer gearbeitet, immer viel geleistet und jedes Jahr meine paar Tausende zum Bruttoinlandprodukt beigetragen habe? Meine Güte, nein. Uns alle verbindet etwas, das uns allen schadet. Mir – uns! – schadete es bisher glücklicherweise ein bisschen weniger als anderen.

Andre haben weniger Glück. Meine Gedanken sind heute bei den anderen.


Warum es dennoch wichtig ist, die verschiedenen Gesichter zu zeigen

Zum Schluss möchte ich noch etwas klarstellen: Ich finde es richtig und wichtig, dass wir öffentlich aufzeigen, dass Alkoholabhängigkeit viele verschiedene Gesichter haben kann. Dass Alkoholabhängigkeit viele verschiedene Geschichten kennt. Darum mache ich diese Arbeit. Aber wenn es darauf hinausläuft, dass wir uns in «wir» und «die anderen» aufteilen, läuft es in die falsche Richtung.


Das Stigma der Alkoholabhängigkeit gehört weg. Für alle von uns.

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